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Die Abenteuer von Schmörk

Die Abenteuer von Schmörk

Kapitel 1 

Ein LKW im Graben und andere Überraschungen 

Das war eine ziemlich ungemütliche Nacht, damals vor vier Jahren, als der große Lastwagen kurz vorm Bauernhof von Tante Petunia in den Graben fuhr.

Ein starker Sturmwind peitschte kurz zuvor so stark gegen die alte Hofeiche, dass einer der großen Äste abbrach und auf die Straße fiel. Hans—Jörg, der Fahrer des Lastwagens hatte es in dieser Nacht sehr eilig. Er drückt tüchtig aufs Gas und fuhr viel zu schnell. Mit einem Affenzahn nahm er die kleine Kurve bei Petunias Hof und sah den dicken Ast viel zu spät auf der Straße liegen. Hektisch riss er das Lenkrad rum und raste die kleine Böschung am Rand der Straße hinunter.

Dabei steuerte der alte Lastwagen direkt auf den großen, alten Mühlstein zu, der dort schon seit fast 100 Jahren am Hoftor stand. Mit einem lauten Knall krachte das Auto gegen den Mühlstein. Nur einen Augenblick später zischte aus dem Kühler des Motors eine meterhohe Fontäne. Der Kühlerschlauch war geplatzt und das kochende Kühlerwasser zischte noch minutenlang aus dem Motor heraus.  Und als wäre das noch nicht genug, war auch noch der linke Vorderreifen geplatzt.  Hans-Jörg hatte sich beim Aufprall so heftig erschrocken, dass er sogar in Ohnmacht fiel. Aber der kleine, etwas rundliche Lastwagenfahrer war sowieso ein ziemlich schreckhafter Mann.

Laute Geräusche konnte er noch nie leiden und der Mutigste war er auch nicht. Er wohnte im Nachbardorf von Tante Petunia. Die beiden kannten sich auch schon sehr lange. Sie gingen eine Zeit lang in die gleiche Schule und Hans-Jörg war heimlich schon seit er denken kann in Tante Petunia verknallt. Aber den Mut ihr das auch zu sagen, den hat er nie gefunden. Stattdessen schenkte er ihr, wann immer er an ihrem Hof vorbeikam Blumen oder Schokolade. Dabei tat er immer so, als hätte er die sowieso auf seinem LKW gehabt und könnte die paar Blumen oder Pralinen ohne Mühe entbehren.

Hans-Jörg war nämlich Spediteur und mit seinem in die Jahre gekommenen Lastwagen fuhr er Tag ein, Tag aus, Möbel, Getränke und manchmal auch besonders ausgefallene Transporte. Einmal hatte er sogar eine ziemlich außergewöhnliche Fracht transportiert. Ein Ziegenbock vom Bauern Rodius und drei Papageien von der schnöseligen Gräfin von Braunitz mussten zum Hafen gefahren werden. Der Ziegenbock sollte dort auf einem anderen Hof für Nachwuchs sorgen und die drei Papageien wurden auf ein Schiff gebracht, das nach Amerika fuhr. Die Gräfin von Braunitz der das kleine Schloss auf der Anhöhe von Schneppendorf – das Dorf, in dem auch Tante Petuna wohnt – gehörte, verreiste nämlich nie ohne ihre drei Papageien und es stand ein Besuch bei ihrem Neffen in Kalifornien an.

Auf der Fahrt hatten die Papageien aufmerksam dem Gemecker des Ziegenbocks zugehört und ihn schließlich lautstark nachgeäfft und als sie im Hafen ankamen, sprach keiner der Papageien noch ein Wort sondern alle meckerten wie der alte Ziegenbock. Selbst als die Gräfin viele Wochen später aus Amerika zurückkam hatten die Papageien immer noch eine diebische Freude daran, wie der alte Ziegenbock zu meckern und selbst heute, vier Jahre später äffen sie den Ziegenbock noch nach, wenn die Gräfin ihnen nicht genug Aufmerksamkeit schenkt. 

Aber zurück zur besagten stürmischen Nacht! 

Der Sturm schüttelte schon am späten Abend viele Bäume mächtig durch und Hans-Jörg war froh Zuhause in seiner warmen Stube sitzen zu können. Aber kurz bevor er zu Bett gehen wollte klingelte doch tatsächlich noch einmal sein Telefon. Kurz überlegte er, ob er um diese Zeit noch den Hörer abnehmen sollte aber er war zu neugierig, vielleicht war es ja Petunia, die bei diesem Sturm Hilfe brauchte. Also hebte er den Hörer ab und sprach mit geschäftiger Stimme:  “Hans-Jörg Bongertz – Transporte aller Art, was kann ich für sie tun?”  

“Ja, hier Professor Bunsen, guten Abend. Bin ich richtig verbunden mit der Spedition Bongertz?” Ah, es war also noch ein Kunde. Hans-Jörg wusste nicht so recht ob er sich jetzt über den späten Kundenanruf freuen oder ärgern sollte aber da er ein höflicher Mensch war, bestätigte er die Frage des Professors mit einem kurzen Ja und hörte sich dann an, was der Professor ihm sonst noch zu erzählen hatte.  

“Hören Sie! Ich habe hier eine Kiste mit wichtigen Forschungsunterlagen und wissenschaftlichen Experimenten die noch heute Nacht zum Hafen gebracht werden muss, es ist absolut dringend hören Sie! Das Schiff fährt nach Amerika und legt in den frühen Morgenstunden ab und die Kiste muss unbedingt noch an Bord gehen!” 

Kurz dachte Hans-Jörg ja, es sei ein Telefonstreich. Denn er kannte keinen Professor, der so spät am Abend noch eine Kiste abholen lassen wollte, die dann auch noch in den 150 Km entfernten Hafen gefahren werden sollte.  

Aber der Professor am anderen Ende der Telefonleitung war so eindringlich und ernst – es war nicht das geringste Kichern im Hintergrund zu hören, so wie es ja sonst immer der Fall war, wenn wieder einer der Bauern aus dem Dorf-Gasthof zu fortgeschrittener Stunde bei Hans-Jörg anrief und vorgab er sei ein Kunde der dringend einen Kurierfahrer brauchte.  

Na und da wollte Hans-Jörg dem Professor auch mal glauben. Auch das er tatsächlich mit Nachnamen Bunsen hieß.  

Keine halbe Stunde später war Hans-Jörg auch schon auf dem Weg zur Universität. Die Adresse klang kompliziert. „Kommen sie ins Laboratorium der biologischen Fakultät“. Alleine für diesen Satz musste man ja schon studiert haben, sagte Hans-Jörg während der Fahrt zur Universität zu sich selbst und musste dabei schmunzeln. Aber nach etwas Rumfragerei fand er dann schließlich auch das Laboratorium und den kleinen Professor Bunsen.  

„Da sind sie ja endlich!“ Ungeduldig rief der Professor am anderen Ende des Ganges den kleinen LKW-Fahrer zu sich.  

„Haben sie auch an die Sackkarre gedacht? Die Kiste ist nicht groß aber sie muss mit äußerster Vorsicht transportiert werden. Es befinden sich im Inneren Gegenstände die so empfindlich wie rohe Eier sind!“  

Hans-Jörg rollte kurz die Augen aber so, dass der Professor es nicht sehen konnte und antworte dann: „Na hören sie mal, ich mache das hier ja nicht zum ersten Mal. Bei mir sind alle Transportgüter immer in den besten Händen“.  

Das Wort Transportgüter betonte Hans-Jörg ganz besonders, weil er unglaublich gerne genauso wichtig klingen wollte wie der Professor. Der zauselige alte Mann hörte Hans-Jörg ungeduldig zu, fuchtelte hektisch mit den Armen und nuschelte „wollen wir mal glauben, wollen wir mal glauben!“.   

Heimlich äffte ihn Hans-Jörg nach aber als der Professor es aus dem Augenwinkel sah, hörte er sofort damit auf.  

Die hektische Betriebsamkeit des Professors übertrug sich auf Hans-Jörg und beinahe hätte er beim Aufladen der Kiste auf seine Sackkarre die Kiste sogar fallen lassen. Mürrisch beobachtete der Professor das Treiben des kleinen Spediteurs. Nun rollte der alte Zausel die Augen aber dabei versuche er überhaupt nicht etwas zu verheimlichen. Das ärgerte Hans-Jörg noch mehr. Aber für ihn war klar: Der Kunde hat immer Recht! Und deswegen schluckte er seinen Ärger hinunter und verabschiedete sich höflich vom Professor und wünschte ihm sogar noch eine angenehme Nachtruhe. 

Von dieser Nachtruhe war Hans-Jörg noch viele Stunden entfernt. Für ihn würde es eine lange Nacht werden und zu allem Übel fing nun auch noch das Wetter an verrückt zu spielen. Es regnete und blitzte und der Wind wurde zu einem ausgewachsenen Sturm, gerade als er mit seinem in die Jahre gekommenen Lastwagen das Gelände der Universität verlassen hatte, konnte man kaum noch die Hand vor Augen sehen. Aber trotzdem musste der kleine Spediteur so schnell wie möglich zum Hafen, wenn er das Schiff noch erreichen wollte. 

Tja und jetzt lag der Lastwagen im Graben vor dem Hoftor Tante Petunias und Hans-Jörg lag ohnmächtig hinter seinem Lenkrad und träumte von seiner geliebten Petunia. In seinem Traum sprangen die beiden quietschvergnügt und wie kleine Kinder über eine Sommerwiese. Petunia steckte ihm ein Gänseblümchen hinter sein rechtes Ohr und er setzte seiner Angebeteten einen aus vielen Wiesenblumen geflochtenen Blumenkranz auf ihren wunderschönen Kopf. Ihre langen roten Haare waren zu einem Zopf geflochten und sie sah für ihn aus wie eine Prinzessin. Aber was war das? Irgendjemand zupfte die ganze Zeit an seinem Hemdsärmel. Es hörte gar nicht mehr auf zu zupfen und Hans-Jörg drehte sich um und sah in seinem Traum eine Kuh, die sich an seinem Hemd zu schaffen machte und es auffressen wollte. „Hey, lass das du dumme Kuh“. Hans-Jörg sagte das richtig laut und im selben Moment wachte er auch auf und sah vor sich Tante Petunia. Aber in echt und mit kurzen, roten Haaren ohne Zopf und ohne Blumenkranz. 

„Na vielen Dank auch, dass ist aber wirklich nicht nett von dir du alter Pechvogel!“.  

Tante Petunia sah den Lastwagenfahrer mit großen Augen an und war einigermaßen verwundert, dass ihr alter Freund sie so beschimpfte, wo sie ihm doch gerade aus der Patsche helfen wollte. Und Hans-Jörg hatte keine Idee, wie er ihr nun erklären sollte, warum er zu ihr dumme Kuh gesagt hatte. Aber er war sowieso zu verwirrt um überhaupt etwas zu sagen. Stattdessen stammelte er nur unverständliches Zeug bis er endlich etwas klarer denken konnte. „Das tut mir leid Petunia! Ich war wohl ohnmächtig geworden und im Traum hatte eine Kuh sich an meinem Hemd zu schaffen gemacht. Ich würde doch niemals dumme Kuh zu dir sagen!“.  

Das wusste Tante Petunia auch und deswegen schmunzelte sie und sagte: „Na, wenn du mir wenigstens ein Stück Schokolade bei diesem merkwürdigen Besuch mitgebracht hast, will ich die dumme Kuh dieses eine Mal noch mal überhört haben!“.  

Ausgerechnet heute aber hatte Hans-Jörg nur noch ein kleines Stück Schokolade im Handschuhfach. Es war nur der Rest einer Tafel aber mit etwas zittriger Hand öffnete er das Handschuhfach und gab Petunia den kleinen, kläglichen Rest der Schokolade. Petunia lachte einmal laut auf und schon einen Augenblick später verschwand das kleine Stück Schokolade in ihrem Mund. Jetzt musste auch Hans-Jörg lachen. Aber das Lachen hörte jäh auf als er bemerkte, dass er ja einen Unfall hatte und die Kiste vom Professor niemals pünktlich zum Hafen kommen würde. 

“Oh so ein Mist!” fluchte er und versuchte aus dem verbeulten Auto auszusteigen. “Wie um Himmels Willen soll ich nun noch das Schiff erreichen? Ich habe eine ganz wichtige Lieferung, weißt Du Petunia?!”. Die Bäuerin half ihm nun bei der Autotür und mit einem großen Ruck schafften sie es auch gemeinsam die Tür zu öffnen. Hans-Jörg stieg aus und begutachtete den Schaden an seinem tapferen alten Laster.  

“Oha! Na mit dem werde ich heute aber nirgendwo mehr hinfahren was!” Traurig ließ Hans-Jörg den Kopf hängen und bat Petunia darum, dass er bei ihr im Haus den Professor anrufen dürfe um ihm die traurige Nachricht vom Unfall mitzuteilen. Aber Petunia dachte gar nicht daran. Fest entschlossen stellte sie sich vor Hans-Jörg und fragte: “Wann musst du am Hafen sein und wie groß ist die Kiste die du transportierst?”. Hans-Jörg wusste gar nicht, warum Petunia das fragte aber etwas geistesabwesend ging er um den Lastwagen herum, öffnete mit etwas Mühe die Hintertür und zeigte auf die mittelgroße Kiste im Laderaum. 

“Das ist die Kiste aber der Professor scheint sehr vorsichtig zu sein, denn er hat in die große Kiste noch eine kleinere Kiste gesteckt hat, das kann man sehen, wenn man durch die Ritzen schaut und es klappert auch etwas.” Petunia stieg in den Laderaum und begutachte mit ihrer Taschenlampe die Kiste. Dann murmelte sie vor sich hin: “Wenn man die kleine Kiste da rausholt, könnte es funktionieren…”. 

“Was könnte funktionieren?!” Hans-Jörg fragte so laut, dass Petunia sich sogar etwas erschreckte.  

“Na, ich habe doch noch das Motorrad mit dem Beiwagen, weißt du nicht mehr?” 

Und ob Hans-Jörg das noch wusste. Als die beiden noch jung waren, holte Tante Petunia Hans-Jörg an vielen Sommer-Abenden mit dem ollen Motorrad und seinem Beiwagen im Nachbardorf ab und dann fuhren die beiden gemeinsam zum See oder in die kleine Stadt zum Eis essen. Ach das waren immer tolle Ausflüge. Petunia lenkte und Hans-Jörg saß in der kleinen Beiwagen-Schüssel und bewunderte seine Freundin für ihre tollen Fahrkünste. Ach Petunia war schon eine ganz außergewöhnliche Frau, wenn er doch nur einmal den Mut gehabt hätte ihr das auch zu sagen! 

“Träumst du oder hast du vom Unfall doch noch eine Gehirnerschütterung bekommen?” 

Jetzt war es Hans-Jörg der vor Schreck zusammenzuckte. Da war er doch tatsächlich wieder in Gedanken versunken. “Nein! Mir geht es gut, ich habe nur an unsere Ausflüge früher mit dem Motorrad denken müssen. Glaubst du denn, dass das olle Ding noch fährt?” 

“Aber klar fährt das noch!” erklärte Petunia energisch. “Das olle Ding, wie du es nennst, wird von mir seit Jahr und Tag gehegt und gepflegt, bekommt immer frisches Öl und hier und da fahr ich damit sogar noch eine kleine Runde ums Dorf!” 

Während die beiden sich unterhielten wurde der Wind wieder stärker. Der Sturm war noch lange nicht zu Ende aber wenn Hans-Jörg die Kiste tatsächlich noch rechtzeitig im Hafen abgeben wollte, musste er auf Petunias Vorschlag eingehen und mit ihr zusammen zum Hafen fahren. Hans-Jörg hätte es ja auch alleine gemacht aber leider wusste er überhaupt nicht, wie man Motorrad fuhr. 

Petunia hüpfte schnell aus dem Lastwagen und verschwand in ihrem Hof. Kurze Zeit später stand sie wieder vor Hans-Jörg mit einer Brechstange in der Hand. “Damit öffnen wir jetzt die große Kiste und nehmen nur die kleine Kiste mit” sagte Petunia zu Hans-Jörg. Und noch bevor der Spediteur was dagegen einwenden konnte, setzte Petunia schon die Brechstange an und öffnete die Kiste. 

“Hans-Jörg, hol’ du schon mal das Motorrad aus der Scheune, ich bin hier gleich fertig und dann fahren wir los!”. Das ließ sich Hans-Jörg nicht zweimal sagen. Im nu verschwand er auch in der Scheune und suchte das Motorrad. Petunia hatte gerade den Deckel der großen Kiste abgenommen als eine starke Windböe mit großem Getöse an der alten Eiche zerrte. Ein dicker Ast begann sich vom Stamm zu lösen. Es krachte mächtig im Baum. Der Lastwagen stand direkt unter dem großen Ast, der nun bedrohlich über dem Lastwagen hin und her schwang. Kurz schaut Petunia aus dem Wagen hoch in die Krone des Baumes und beeilte sich dann die kleine Kiste aus der großen herauszuheben. Mit einem großen Hüpfer sprang sie zur Tür des Lastwagens und schließlich hinaus auf die Straße. Und im selben Augenblick krachte der große, dicke Ast des Baumes auf das Dach des Lasters.  

“Das ist ja gerade nochmal gut gegangen!” sagte Petunia zu sich selbst und sah nun, dass das Dach des LKW ein großes Loch hatte. Der Ast war wie ein Dolch ins Dach gestoßen. Wäre Petunia noch darin gewesen, hätte sie der dicke Ast glatt erschlagen. 

In der Scheune hatte Hans-Jörg gerade das Motorrad gefunden als er den großen Knall draußen hörte. Sofort sprang er aus der Scheune hinaus und sah, wie ein großer Teil des Baumes auf das Dach seines Lastwagens gefallen war. In diesem Augenblick dachte er nur an Petunia. Schreiend lief er zum Auto. “Petunia, Petunia! Geht es dir gut?! Hast du dir etwas getan?” Hans-Jörg war ganz außer sich. Aber als er Petunia vor dem Lastwagen auf dem Boden stehen sah, fiel ihm ein riesiger Stein vom Herzen.  

“Hier, schau mal!” rief Petunia, “ich habe die Kiste gerettet! Nun können wir uns auf den Weg machen!”. Hans-Jörg schaut zu Petunia, dann auf die Kiste und dann wieder zu Petunia und im selben Augenblick konnte er nicht anders als Petunia zu umarmen. Die wusste gar nicht wie ihr geschah, räusperte sich kurz und sagte dann “Ist ja schon gut, ein einfaches Dankeschön hätte auch gereicht!” Aber Hans-Jörg standen die Tränen vor Erleichterung in den Augen. Schnell versuchte er sich wieder zu fassen, schüttelte sich kurz und sagte dann: “Na dann, auf nach Holmstadt zum Hafen!”. Er drehte sich auf den Hackenspitzen seiner Schuhe um und rannte zu Scheune. Dort räumte er das Heu und Stroh vom Motorrad und schob das Fahrzeug hinaus ins Freie. Im Beiwagen lag immer noch sein alter Motorradhelm und am Lenker hing der Helm von Petunia. Die zog sich ihre Jacke an, stülpte sich den Helm über den Kopf und setzte sich auf den Sattel des Motorrades. Hans-Jörg sprang noch einmal schnell ins Fahrerhaus seines Lastwagens, schnappte sich die Transportpapiere, klemmte sich die Kiste unter den Arm und nahm Platz im Beiwagen des Motorrades. Petunia hatte sich zwischenzeitlich schon ihre Fahrerbrille aufgesetzt und hob nun fragend ihren Daumen in Richtung ihres Freundes. Damit wollte sie fragen, ob er startklar war und Hans-Jörg hob seinerseits den rechten Daumen und zeigte damit “Es kann los gehen!”. Zum Reden war es jetzt viel zu ungemütlich und eigentlich – und das wussten die beiden auch – war das Wetter für eine Motorradfahrt mitten in der stürmischen Nacht gar nicht geeignet.  

Petunia startete den Motor, die Maschine knatterte laut und die beiden fuhren los. 

Ungefähr 10 Minuten nachdem die beiden losgefahren waren begann ein Gewitter heftig zu toben und als hätte Hans-Jörg nicht schon genug Pech in dieser Nacht gehabt, schlug ein Blitz in den Baum bei Petunias Hof ein. Als der Blitz den Weg zum Boden suchte nahm er den direkten Weg durch Hans-Jörgs Laster und steckte zu allem Überfluss auch noch den Ast der durch das Dach des Lastwagens gebrochen war mit an.  In Windeseile fing der ganze Lastwagen Feuer.  

Als das Feuer auch den Boden der Ladefläche erreichte begann es in der großen Kiste, hinter jeder Menge Stroh und Sägespänen plötzlich zu klappern. Was Petunia in der Eile nämlich übersehen hatte war eine viel kleinere Kiste. Hinter viel Stroh, Papierschnipseln und Styropor-Kügelchen lag ganz versteckt eine kleine Holzkiste die aus edlem Wurzelholz gearbeitet war und die mehr an ein Schmuckstück als an eine Transportbox erinnerte.  Und in dieser Box begann es nun zu klappen. Als es immer heißer wurde, begann die Holzkiste sogar zu hüpfen.  

Kurz nach dem Blitzeinschlag setzte ein sehr starker Regen ein und das war auch gut so. Denn das Feuer begann sich auszubreiten und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre es auch auf die Scheune oder andere Teile des Hofes übergesprungen. Es regnet so heftig, dass sich in nur wenigen Sekunden überall auf den Wegen zuerst Pfützen und dann richtig kleine Seen bildeten. Und auch durch das Dach des Lastwagens schoss das Wasser und löschte den Brand im Inneren. Der Lastwagen stand allerdings ziemlich schief und die Kiste lehnte an der Wand wo sich das Wasser sammelte. Schnell entstand auch hier eine immer größer werdende Pfütze. Schon bald war es ein kleiner See und die Holzkiste fing an zu schwimmen. Das Klappern verstummte. Still trieb die Kiste in der großen Pfütze. An einer bestimmten Stelle hatte Petunia die Kiste so stark eingedrückt, dass dort ein Loch in einer der Kistenwände entstanden war. Das Loch war etwas größer als die Kiste und durch dieses Loch wurde nun die Kiste hinaus geschwemmt. Mit einem kleinen Knall fiel die Kiste auf den Boden der Ladefläche und dabei öffnete sich der Verschluss. 

Der Deckel sprang auf und aus der Kiste fielen zwei große Eier heraus. Eines so groß wie ein Straußenei und ganz grau und das andere etwas kleiner und sehr hellbraun mit kleinen Sprenklern. 

Die beiden Eier kullerten langsam und fast im Zickzack immer weiter auf die Tür der Ladefläche zu. Auf dem Rand der Ladefläche blieben beide Eier kurz stehen und dann fielen sie beide aus dem Laster. Das balllähnliche Ei landete im weichen Gras aber das große graue Ei fiel mit einem lauten Schlag auf den Steinboden und brach entzwei. Doch es floss kein Dotter heraus. Stattdessen saß auf dem Steinboden der Hofeinfahrt von Tante Petunia ein kleiner weißgrauer Vogel mit ziemlich krummem Schnabel, tiefblauen Augen und einem noch sehr feuchten, klebrigen Gefieder. 

“Schmöörk, Schmöööörk!, Schmööörk?!” rief der kleine Vogel  aber niemand hörte ihn. Der Wind trieb noch immer sein Unwesen. Zwei Äste des Baumes brannten auch noch und es war auf einmal sehr nass und kalt auf dem Hof von Tante Petunia. Mit seinen kleinen, blauen Augen schaut sich das Vogelkind um. Wo war er denn überhaupt und warum hat ihn keiner begrüßt als seine Schale aufbrach? Irgendwie hatte der kleine Vogel so ein Bauchgefühl, dass da jemand hätte sein müssen, der sich freut und ihn unter die wärmenden Federn nimmt, wenn seine Eierschale aufbrach. Aber außer einem ziemlich runden Ei das da auf einem Grasbüschel lag, war nichts da. Nur ein großes graues Ding in dem etwas brannte und über seinem Kopf fuchtelte ein großes Wesen mit seinen vielen Armen und rauschte dabei mächtig. 

Traurig ließ der kleine Vogel seinen Kopf hängen und betrachtete seine sehr großen Füße.  

Er konnte ja nicht wissen, dass das graue Ding der Lastwagen von Hans-Jörg war und das Wesen mit den vielen fuchtelnden Armen ein Baum, dessen Äste vom Sturm wild durchgeschüttelt wurden.  

“Schmööörk!” rief der Kleine noch ein letztes Mal und plötzlich hüpfte das große runde Ei vom Grasbüschel und rollte in Richtung des Scheunentores. Der kleine Vogel war neugierig und eilte, noch ziemlich unsicher auf seinen Beinen und viel zu großen Füßen, hinter dem rollenden Ei hinterher. Er watschelte hektisch und rief dabei immer wieder “Schmöörk, Schmööörk!” aber das Ei ließ sich davon nicht beeindrucken. Weil es fast kugelrund war, rollte es perfekt und fast hätte man den Eindruck haben können, dass es sogar seine Richtung änderte, wenn es kurz davor war gegen ein Hindernis zu prallen. Endlich hatte der kleine Vogel das Ei eingeholt und nun stand er neben dem Ei am Eingang der Scheune. In der Scheune leuchtete ein schwaches Licht. Hans-Jörg hatte vergessen die Lampe auszuschalten, als er das Motorrad herausgeschoben hatte und die Lampe bot gerade so viel Licht, dass der kleine Vogel in einer Ecke der Scheune ein kleines Haus sah, in dem Tiere wohnten die immer wieder auf den Boden schauten und da anscheinend etwas suchten. Die Tiere hatten Federn, einen Schnabel und sie fuchtelten mit ihren Flügeln wild herum. Irgendwie war das dem kleinen Vogel alles sehr vertraut und beinahe hätte er das rund Ei vergessen, als dieses ganz plötzlich von alleine losrollte und auch noch in Richtung der Tiere!  

Der Kleine Vogel hatte große Mühe mit dem Tempo des Eis mitzuhalten. Immer wieder rief er laut Schmööörk! So laut, dass die Tiere in dem kleinen Gehege auf ihn aufmerksam wurden.  

Ein großer Hahn rannte nun mit weiten Schritten auf den Zaun des Geheges zu und rief mit lauter und sehr eindringlicher Stimme: “Hey du, Küken! Wer bitteschön hat dir erlaubt außerhalb des Hühnerstalls spazieren zu gehen und zu so später Stunde auch noch solch eine Geschrei zu veranstalten?! Hä?!”. Der aufgebrachte Hahn weckte auch die Neugier der Hühner die mit ihm im Gehege umherliefen. Mit aufgeregtem Geschnatter zeigten sie nun alle mit ihren Schnäbeln in Richtung des kleinen Vogels und des rollenden Eies. “Was bitteschön ist das für ein hässliches Huhn?!” rief ein dickes Huhn und ein anderes “Hey Norbert, bist wohl auch nicht mehr der Jüngste was? Jetzt merkst du nicht mal mehr, wenn sich ein Küken aus dem Staub macht” Alle Hühner lachten und gackerten wild durcheinander. Aber Norbert, der einzige Hahn auf dem Hof von Petunia ließ das nicht auf sich sitzen. Wütend rannte er am Zaun entlang und rief zu dem kleinen Vogel: “Hey du, wie heißt du Küken überhaupt?”. Der Kleine Vogel konnte ja noch nicht sprechen und alles was er bisher aus seinem Schnabel brachte war “Schmöörk” und genau das rief er nun auch in die Richtung von Norbert dem Hahn.  

“Schmööörk!”. Der Hahn drehte sich zu den Hühnern um und fragte laut: “Wer von euch vermisst einen Schmörk? Und überhaupt, wer von euch gibt denn einem Küken so einen doofen Namen? 

Ein Huhn, das bisher ganz weit hinten in den Reihen der Hühner stand, hob zaghaft ihren rechten Flügel und piepste leise und schüchtern “Ich vermisse Schmörk, Schmörk gehört zu mir”. Das Huhn war eigentlich mehr ein Hühnchen. Ihr Name war Helga und sie hatte schon seit Jahren kein Ei mehr gelegt. Tante Petunia hatte sogar schon mal darüber nachgedacht ob sie – aber das ist eine andere Geschichte. Alle Hühner fingen jetzt an zu tuscheln. “Das hässliche Ding gehört zu Helga? Kann man ja gar nicht glauben!”. Oh die Hühner zerrissen sich förmlich die Schnäbel aber es kam noch dicker. Norbert entdeckt nämlich neben dem kleinen Schmörk auch noch ein rundes Ei. Das Ding sah mehr aus wie einer der Bälle, mit denen seine Chefin, die Bäuerin Petunia manchmal spielt. Was Norbert nicht wusste aber was Petunia für ihr Leben gerne spielte war Tischtennis. Norbert glaubte das Ei, das mit Schmörk aus dem Lastwagen gefallen war, sei ein Tischtennisball. Und weil er sowieso schon schlechte Laune hatte rief er zu Schmörk rüber: “Hey du Schmörk, schmeiß mal den Ball da zu mir rüber – aber zackig!”. Der kleine Schmörk verstand kein einziges Wort, das Norbert zu ihm gesagt hatte. Für ihn klang das alles wie ein großes Geschrei. Aber weil der große Vogel mit dem leuchtend roten Ding auf dem Kopf auf das weiße Ding neben ihm deutete, versuchte der kleine Vogel das Ei aufzuheben. Aber kaum kam Schmörk dem Ei näher, rollte das ein paar Zentimeter von ihm weg. Wie von Zauberhand bewegte es sich immer wieder weg von Schmörk. Der rannte dem Ei jetzt richtig hinterher und immer wenn er dachte, er hätte es gefangen, war es schon wieder wo anders. Norbert ging das alles nicht schnell genug. Mit einem gekonnten Sprung hüpfte er über den Zaun des Geheges und versuchte selbst das Ei zu fangen. Wie ein Torwart beim Fußball stellte er sich auf und wartete bis das Ei auf ihn zugerollt kam. Er beugte sich sportlich nach vorne und sprang beherzt auf das Ei drauf. Im gleichen Augenblick schlug das Ei aber einen Haken. Norbert verlor das Gleichgewicht und bremste unfreiwillig mit seinem Schnabel. Autsch! Das hatte weh getan. Alle Hühner kicherten und gackerten um die Wette. Norbert war sauer. Gerade wollte er sich wieder aufbauen und einen wilden Hahnenschrei von sich geben, da stand auf einmal Helga neben ihm. Mit zarter Stimme gackerte sie leise “Schmörk, komm her und bring mein Ei mit!”.  

Der kleine Schmörk aber hatte Helga gar nicht gehört. Er versuchte immer noch das Ei zu fangen. Aber das Ei hatte Helga wohl gehört. Kaum hatte sie gerufen, drehte das runde Ding eine kleine Kurve und rollte auf Helga zu. Schmörk folgte dem Ei und schon kurze Zeit später standen Schmörk und das Ei vor Helga. 

Die Hühner und Norbert der stolze Hahn staunten nicht schlecht. Das musste man Helga lassen, ihre Kinder hörten aufs Wort!  

“Na dann ist ja jetzt alles in Ordnung!” Norbert war mit sich und seinem Einsatz wohl zufrieden. Er richtete seinen Hahnenkamm und ging mit einem stolzen Schritt zurück in den Hühnerstall. Die Hühner gackerten noch kurz etwas am Zaun aber weil es schon spät war, hatten viele nur noch ihre Hühnerstange im Kopf und wollten endlich schlafen gehen. Helga hob das kleine runde Ei auf und das Ei ließ das mit sich geschehen. Schmörk schaute mit seinen kleinen Äuglein ganz überrascht. Das Ei hatte noch nicht mal gezuckt als Helga es aufhob. Aber so seltsam war das gar nicht. Der kleine Schmörk fühlte sich in der Nähe des alten Huhnes auch sehr wohl. Irgendwie war es ihm ganz warm ums Herz. Das alte Huhn hatte das wohl gespürt. Sie nahm den kleinen Schmörk unter ihren linken Flügel und der fühlte sich dort sehr, sehr wohl.  

“So kleiner Schmörk, dann gehen wir jetzt mal in den Stall, du hast doch bestimmt Hunger und für das runde Ding müssen wir auch einen Platz finden!”. Kaum hatte Helga das gesagt, hüpfte das runde Ei aus ihrem Flügel und rollte Richtung Stall. “Du kleines vorwitziges Ding du!”. Rief Helga und rannte dem Ei hinterher und Schmörk hatte viel Mühe mitzuhalten.  

Ganz außer Puste kamen Helga und Schmörk im Hühnerstall an. “Hier lang!” rief Helga dem Ei zu und als hätte es Ohren folgte es nun Helga zu ihrem kleinen Nest das ganz hinten in einem kleinen Seitenteil des großen Hühnerstalls lag. Schmörk setzte sich auf den Rand des Nestes und war sehr müde. Er musste gähnen und weil er das vorher noch nie getan hatte, war er sehr überrascht über seinen weit aufgesperrten Schnabel den er beim Gähnen plötzlich hatte. 

Und noch etwas war seltsam. Irgendwo in der Nähe musste noch ein Tier sein. Es war bestimmt ein großes Tier, denn es knurrte mächtig. Als das Knurren so laut war, dass sogar Helga sich umdrehte um nachzusehen, ob der alte Kater Peter in der Nähe war, hüpfte Schmörk mit großer Angst in das Nest und sucht hinter Helga Schutz. Das Knurren war jetzt direkt hinter ihr und als sie es noch einmal hörte, musste sie ganz plötzlich laut lachen. Kein Kater und auch kein anderes Tier war da zu hören. Es war Schmörks Bauch! “Schmörk du hast Hunger!” sagte sie und dreht sich zu ihm um. Und Schmörk hatte das Gefühl, zum ersten Mal etwas verstanden zu haben, was Helga sagte. Er deutete auf seinen Bauch und rief laut “schmöörk, schmöörk, schmöörk, Hunger!”. Sofort kramte Helga in ihrem Nest und fand noch einige Körner und einen Regenwurm, den sie mittags aus dem Acker gezogen hatte und sich für später aufheben wollte. Aber als Schmörk das sah, war ihm schlecht. Nein, einen Regenwurm wollte er nicht essen und mit den Körnern wusste er auch nichts anzufangen. Aber als er eben zum Nest von Helga rannte, roch er etwas, was er gerne mal probiert hätte. Er sprang aus dem Nest und rannte zur Ecke des Stalls. Dort lag ein alter Apfel auf dem Scheunenboden, der schon ganz runzelig und weich war. Aber für Schmörk roch er köstlich und es dauerte genau eine Sekunde, da hackte er mit seinem Schnabel in den Apfel und verputzte die Stücke mit einem Happs. Keine zwei Minuten später war der komplette Apfel weggefuttert und Schmörk wohlig satt. Glücklich und zufrieden watschelte er zurück zu Helgas Nest, kuschelte sich neben das runde Ei und unter die warmen Federn von Helga und schlief schon bald ein. 

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