My sweet own Bethlehem

Krippenbau

Meine Frau wünschte sich vergangenes Jahr an Weihnachten ein selbstgemachtes Krippenspiel von mir. Eines für vor die Tür und sie gab mir ein ganzes Jahr Zeit, diese Krippe zu bauen. Und natürlich habe ich die Monate verstreichen lassen, habe das Projekt vor mir hergeschoben bis Anfang dieser Woche. Es war am Montag. Der Montag nach dem schrecklichen Wochenende und diesem traurigen Freitag mit den vielen Toten in Paris.

Ich bin kein sehr sentimentaler Mensch – würde ich behaupten. Und doch fühle ich eine wachsende Sensibilität in mir, seit ich Vater geworden bin. Nicht mehr ganz so hart bei der Aufnahme schwerer Bilder als früher. Natürlich versuche ich immer noch die meisten Dinge, die ich auch im Job immer wieder sehen muss, mit professionellem Abstand von meiner Seelen fern zu halten aber mein Schutzpanzer ist leider nicht mehr so hart wie früher.

Vielleicht liegt es ja daran. Vielleicht sind das die Gründe, die mich am Montag dazu veranlassten endlich mit dem so lange vor mir hergeschobenen Auftrag zu beginnen.

Wie gesagt, man sollte nicht allzu viel Tiefsinn und Sentimentalität in mein Tun interpretieren aber ich kann nicht bestreiten, dass ich verunsichert bin. Dass ich mich fürchte, vor den Zeiten, die da auf uns zukommen. Ich suche nach Antworten und ich suche nach Geborgenheit. Für meine Familie, meine Freunde, für mich.

Und da kommt mir mein kleines, eigenes Bethlehem gerade recht! Dorthin kann ich mich verkriechen, wenn die Welt mal wieder ihre hässliche Fratze zeigt…

Nicht, weil ich im christlichen Glauben Schutz suche. Nicht, weil ich im Weihnachtsfest eine Möglichkeit sehe all die Konflikte dieser Welt für einen kurzen Moment vergessen zu dürfen.

Nicht, weil ich diese Krippe zwingend in diesem Jahr bauen müsste.

Nein. Ich empfinde in den Stunden, die ich bisher mit dem Bau des Fachwerkes verbracht habe eine gewisse Stille. Eine Zufriedenheit und ich lasse meine Gedanken in dieser Zeit weit reisen. Ich denke über eine Zukunft nach, die ihren Ursprung in einem neuen, jedem ganz eigenen Bethlehem finden könnte, das uns allen zeigt, wie selbstverantwortlich und nachhaltig wir auf diesem Planeten eigentlich leben müssten.

Meine kleine Werkstatt, der zarte Beginn meines Krippe-Baus und der dadurch entstehende Schutzraum ist der Ort an dem ich mein eigenes kleines Bethlehem aufbauen will.

All die Ereignisse, die ich in den vergangenen Monaten – auch durch meinen Beruf – erleben musste haben mir gezeigt, wie anfällig wir Menschen für Dissens, Konflikte und all die emotionalen Brüche sind, die uns in der Entwicklung und im Zusammenleben immer wieder aufs äußerste behindern.

Und ich glaube, ich habe eine Antwort auf all dieses Übel in meiner kleinen Werkstatt gefunden!

Es ist nur eine Vermutung und sicherlich mit diesem einen Begriff sehr verkürzt dargestellt aber ich bin mir ziemlich sicher: Wir erleben solche Zeiten seit vielen tausend Jahren immer wieder nur weil wir uns gegenseitig falsch, unzureichend oder berechnend Wertschätzen!

Im Verlauf unserer Entwicklung haben wir so viele Prozesse und Mechanismen geschaffen, diese Unzulänglichkeit zu kompensieren. Haben Religion entwickelt, haben Moral entwickelt. Haben gesellschaftliche Konventionen geschaffen. Ja einige von uns haben Wertschätzung sogar gesetzlich regeln müssen, weil ihre Vergangenheit ihnen klar vor Augen gehalten hatte, wie barbarisch sie sein konnten, wenn dieser Kodex nicht zu den gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zählte.

Und dennoch haben wir über all die vielen tausend Jahre immer wieder versagt.
Haben Wertschätzung als Waffe, als Strategie und auf anderen niederen Stufen missbraucht.

Vermutlich ist einem Teil von uns ein verheerender Instinkt geblieben. Wir wissen, wann wir Wertschätzung gewinnbringend einsetzen oder auch verwehren müssen, um an unser Ziel zu gelangen.

Und es mag Ironie des Schicksals sein: Der Mensch will keine Reichtümer. Der Mensch will einzig und allein Wertschätzung erfahren. Damit ihm das zielorientiert gelingt braucht er Macht. Macht über andere Menschen. Nur so kann er die Wertschätzung die ihm entgegengebracht wird kontrollieren.

Mit jedem Satz den ich schreibe, wünsche ich mich ein Stück mehr in meine Werkstatt zurück. Möchte meinen Schutzraum suchen, denn ich habe da eine ziemlich düstere Vision…

Denn so wie es ausschaut, werden wir auf diesem Planeten nicht weniger werden. Immer mehr von uns sehnen sich nach Individualität, einem individuellen Erfolgswert und damit unweigerlich auch einem wachsenden Wertschätzungs-Wert der dann als Referenz benutzt werden kann im Kampf um die eigene, bestmögliche individuelle Note.

Ein ekelhafter Teufelskreis und ich spreche ja auch „nur“ von der Gruppe, die von den echten Machthabern für ihre Zwecke missbraucht werden oder missbraucht werden könnten.

Die Bedürfnis-Kette reicht hier von ziemlich mächtig bis hin zu überhaupt nicht wichtig aber sehr daran interessiert wichtig zu sein…

Und ziemlich viele fallen dabei hinten runter. Jene, denen es nicht vergönnt ist diesen Individualitätsbooster „Wertschätzung“ gewinnbringend einsetzen zu können, verlieren und steigen noch tiefer hinab ins Tal der Namenlosen.

Und dort warten jene, die sich damit abgefunden haben, dass sie ihren Grad der Wertschätzung nur durch die negativen menschlichen Eigenschaften steigern können.

Es ist in der menschlichen Natur anscheinend auch ein Naturgesetz, dass Wertschätzung immer mit Manipulationsversuchen vor allem unter jenen Artverwandten verbunden ist, die zu konstruktiven gesellschaftlichen Leistungsbeiträgen für die Gesellschaft nicht im Stande sind. Aus welchen Gründen auch immer…

Ich frage mich immer wieder, warum Menschen sich für eine Sache das eigene und das Leben vieler anderer nehmen können. Das Selbstmord-Attentat ist verrückt, sinnlos und doch vielleicht erklärbar.

Im gleichen Maße wie es uns – wertgeschätzten – Zeitgenossen sinnlos erscheint, scheint es für den Attentäter die einzige Möglichkeit seiner Existenz Wert einzuhauchen. Ein einziges Mal glaubt er in seiner Existenz Sinn zu erkennen. Ein einziges Mal ist seine Existenz angeblich wertvoll.

Vermutlich sterben diese Menschen aus Dankbarkeit gegenüber einer menschlichen Instanz, die ihnen eine trügerische Wertschätzung zu Teil werden ließ.

Einige von Ihnen terrorisieren eine überwiegend friedliche Umgebung, weil sie ihre Behandlung als ungerecht empfinden. Sie fühlen sich benachteiligt oder sie empören sich über die schlechte Behandlung von Teilen ihrer Gruppe.

Ich bin davon überzeugt, dass keiner von Ihnen sein Schicksal jemals als so extrem beschissen empfand, dass er dafür sich oder andere getötet hätte. Erst durch einen Haufen manipulativer Menschen, die diese emotionale Orientierungslosigkeit schamlos für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sind diese armen Schweine zur Verübung solch schlimmer Attentate in der Lage.

Alles gegeben für die Ikone.

Wert erhalten, Wert entrissen – alles im Bruchteil einer Sekunde.

Was für eine Welt? Und was kann man in Zukunft tun. Was kann ich meiner Tochter mit auf den Weg geben?

Sie wird durch eine Welt gehen müssen, die sich immer mehr durch solche manipulierten Wertschätzungen definiert. Die den überwiegenden Teil der Mitglieder ihrer Gemeinschaften instrumentalisiert. Desorientiert.

Nun, ich kann ihr mitteilen, dass kein Mensch auf dieser Welt wertlos ist. Und das kann ich tun, ohne oder mit Unterstützung meiner kleinen Weihnachtskrippe…

Ich kann ihr erklären, dass sich der Wert ihrer eigenen Existenz nicht daran misst, wie viele ihrer Mitmenschen ihren eigenen Wert zu Gunsten ihrer Person reduzieren. Sondern nur daran, wie sie gemeinsam mit anderen Menschen neue Werte schafft.

Ich kann ihr beibringen, dass kein Mensch von ihr verlangen darf, ihren Wert zu löschen, damit andere ihren Wert erhalten dürfen. Weil die eigenmächtige Löschung – egal im Namen welcher Sache auch immer – dazu führen wird, dass weitere, noch größere Ungleichgewichte entstehen.

Und was mich betrifft. Ich werde diese Krippe zu Ende bauen. Auch wenn sie schief und krumm in die Welt hinausblicken wird.

So wie ich. Nicht perfekt aber mit Sicherheit wertvoll für meine Liebsten…

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